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25. April 2018

Anpassen allein wäre eine Bankrotterklärung an die Zukunft


Ausserordentliche Wetterereignisse sind nichts Ausserordentliches mehr. Wir nehmen sie wahr und reagieren. Die FN haben mit ETH-Professor David Bresch über die Anpassung des Menschen an den Klima­wandel gesprochen. Er ist Experte für Wetter und Klimarisiken.

David Bresch, ein Wetterextrem jagt das andere. Der Klimawandel ist schon längst da, und man hat das Gefühl, dem Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Wir joggen am frühen Morgen und nicht über den Mittag, wir fragen uns, was wir auf den Balearen sollen, wo es doch auch hier warm ist wie früher am Mittelmeer. Irgendwie beängstigend.
Jedes Lebewesen passt sich an sein Habitat an. Landläufig gehen wir von einem Klimabegriff der mittleren Breite aus mit den vier Jahreszeiten. Grundsätzlich kann der Mensch aber mit einer grossen Bandbreite von Klimata umgehen. Die Frage, die sich stellt, ist aber, wann die Geschwindigkeit der Veränderungen so gross ist, dass sie die Fähigkeit zur Anpassung überschreitet. Und natürlich stellt sich die Frage, zu welchen Kosten Anpassung sinnvoll ist.

Dass wir uns heute automatisch mit Lichtschutzfaktor 50 eincremen, ist also noch keine Kapitulation an den Klimawandel?
Dieses Verhalten verstehe ich eher als Konsequenz des Wohlstandes. Ganz früher war eine edle Blässe vornehm, später wurde Bräune zu einem Indikator für «Ich kann mir Freizeit leisten». Eine Weile nahmen die Menschen dafür den Sonnenbrand in Kauf. Heute weiss man, dass das gesundheitsschädlich ist.

Spielen solche Erklärungen nicht jenen in die Hände, die den Klimawandel negieren?
Nein, ich bin einfach gegen Alarmismus. Ich sehe den Klimawandel als grosse, doch gemeinsam bewältigbare Herausforderung. Aufgrund der Berichte des Weltklimarats wissen wir, dass die Klimaerwärmung primär vom Menschen verursacht ist. Aber es ist schwierig, sich darauf zu einigen, wie reagiert werden soll. Je früher und umfassender wir die globalen Treibhausemissionen senken, desto besser. Die Verantwortung liegt hier sowohl bei der Gemeinschaft wie auch bei jedem Einzelnen, einen Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten.

Wir sind aber nicht nur verantwortlich, sondern auch betroffen. Zwangsläufig.
Inwiefern wir wirklich von Zwang sprechen können, ist oft auch eine Frage der persönlichen Wahrnehmung. Man könnte auch von einem anderen Lebensstil sprechen. Oder ganz einfach von sich ändernden Gewohnheiten. Wenn jemand abends trotz Hitze joggen geht, so gewichtet diese Person vielleicht den Stressabbau einfach höher als die Hitzebelastung.

Alte, Kranke und Schwache leiden aber unter der Hitze.
Hier kommt der Risikobegriff ins Spiel, der die Frage nach der Gefährdung, Exponierung und Verletzlichkeit beinhaltet. Wer in einer Stadt wohnt, die von einer Hitzewelle erfasst wird, ist zwar exponiert und gefährdet. Doch die meisten Bewohner können mit der Hitze umgehen, ihre Verletzlichkeit ist also sehr gering. Deshalb stellt sich die Frage, wie man die erhöhte Verletzlichkeit von Alten, Kranken und Schwachen mindert – und das beginnt bei einfachen Dingen, wie zum Beispiel genug Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

Kann der Klimawandel gar eine Chance sein?
Wenn wir zwischen verschiedenen Optionen wählen können, können gewisse Optionen eine Chance sein, solange die Anpassungsfähigkeit gegeben ist. Ein Winzer zum Beispiel wird sich also überlegen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, über den Anbau anderer Rebsorten nachzudenken – deren Rebsaft sorgfältig gekeltert vielleicht gar einen höheren Marktpreis erzielt. Oder in der Stadt können Arbeitgeber sich überlegen, die Arbeitszeitmodelle anzupassen mit frühem Arbeitsbeginn und Siesta über Mittag. Einem mediterraneren Lebensstil wären so manche wohl nicht abgeneigt.

Solche Massnahmen müssen aber in eine Gesamtstrategie eingebettet sein; wie wissen einzelne Akteure, welche Massnahmen Sinn machen?
Die Schweiz hat eine nationale Klimastrategie entwickelt. In Fallstudien wurden Chancen und Risiken in Sektoren wie Landwirtschaft, Bau, Tourismus und Infrastrukturen analysiert. Eine solche Pilotstudie im Tessin hat beispielsweise ergeben, dass sich der traditionelle Sommertourismus nicht mehr wie in den 50er-Jahren primär in Lugano oder Locarno abspielen wird, sondern dass die Gäste auch die Sommerfrische ab einer Höhe von 800 Metern suchen werden. Das Tessin hat auf dieser Höhe attraktive Destinationen anzubieten. Das Gleiche dürfte übrigens auch für andere Kantone gelten.

Die Freiburger Voralpen als ideale Tourismusdestination für eine willkommene Abkühlung in heissen Zeiten?
Ja, zum Beispiel. Wetterabhängige Unternehmen müssen ihre Klimaabhängigkeit kennen, um neue Geschäftsmodelle entwickeln zu können.

Ist die Schweiz also vorbereitet auf das noch zu Erwartende?
Die Schweiz ist gut aufgestellt. Als 2005 Hurrikan Katrina in den USA tobte und enorme Sachschäden und Gewalt unter den Menschen verursachte bis hin zu Mord, musste die Nationalgarde ausrücken. In der gleichen Zeit brach über Engelberg ein Hochwasser herein. Aufgrund der föderalen Strukturen in der Schweiz konnte die Gemeinde sehr schnell eigenverantwortlich handeln, und die Entscheide waren lokal abgestützt.

Wo sind die Grenzen der Anpassung?
Der bekannte Stern-Report des britischen Ökonomen Nicholas Stern hat ja bereits 2006 dargelegt, dass Ende dieses Jahrhunderts bis zu 20 Prozent des Bruttosozialproduktes durch die dannzumal fortgeschrittene Klimaveränderung gefährdet sein dürfte, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Und in Sachen Klimaschutz, machen wir da genug?
Die Geschwindigkeit des Umbaus entspricht nicht unseren Mitteln und Möglichkeiten. Um den Klimawandel in Grenzen zu halten, müssen wir den Treibhausausstoss unserer gesamten Wirtschaft massiv senken. Wir sollten uns etwa überlegen, ob wir unsere Pensionskassengelder richtig einsetzen. Oft investieren diese nämlich noch in Öl- und Kohleprojekte – und finanzieren damit kurzfristig eine Welt mit, die mittel- und langfristig nicht sehr attraktiv ist.

Sind Sie guter Dinge, was die Einsichtsfähigkeit der Menschen angeht?
In vielen Bereichen dauert es von der wissenschaftlichen Erkenntnis bis zu den ersten Zeichen der Umsetzung so um die zwanzig Jahre. Es ist viel verlangt, über Jahre hinaus zu planen, wenn der Leidensdruck nicht sehr hoch ist. Doch werden die Chancen einer Führungsrolle in der Dekarbonisierung immer besser fassbar. Wer heute neue Technologien entwickelt, ist nicht nur besser aufgestellt, er kann diese den Nachkommen dann auch verkaufen. Man denke nur an die Bahn, die Anfang des 20. Jahrhunderts beschloss, völlig zu dekarbonisieren – sprich auf Elektrizität umzustellen. Die Schweizer Maschinenindustrie konnte danach über ein halbes Jahrhundert lang Elektrolokomotiven verkaufen.

Kann man zusammengefasst sagen, dass Anpassung aus Ihrer Sicht nicht zwingend negativ ist, Klimaschutz aber unablässig?
Ja. Wenn wir auf Anpassung allein setzen würden, wäre das eine Bankrotterklärung an unsere Zukunft. Wenn wir die Dekarbonisierung nicht bald hinkriegen, ist es für jede Anpassung zu spät.

Quelle: FN/REGULA SANER

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